Die Magie der Doula – Eine besondere Rolle während der Schwangerschaft, der Geburt und im Wochenbett

Du hast vielleicht heute zum ersten Mal von einer Doula gehört. Da ploppen sicherlich einige Fragen in dir auf! Was ist eine Doula? Was macht eine Doula? Brauche ich eine Doula? Um all das und einiges mehr, geht es in diesem Artikel. Hier teile ich aber nicht nur nüchterne Fakten mit dir, sondern plaudere auch ein bisschen aus dem Nähkästchen und erzähle dir, warum ich diese Arbeit so wichtig und wertvoll finde.


Die Dienerin der Frau

Das Wort “Doula” kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet so viel wie “Dienerin der Frau”. Diese Umschreibung klingt vielleicht etwas merkwürdig, geht aber auf ein Jahrtausende altes Konzept zurück, bei dem sich Frauen während der Geburt gegenseitig unterstützt haben – ohne medizinisches Wissen, wie wir es heute kennen oder irgendwelcher speziellen technischen Hilfsmitteln, sondern ganz “natürlich” (Rose und Schmied-Knittel 2011: 80). Während der Recherche für meine Bachelorarbeit (”Der Einfluss einer Doula auf das Geburtserleben einer Frau”, Studiengang: Ethnologie) habe ich herausgefunden, dass die Praktiken rund um die Geburt global gesehen bis vor ungefähr 250 Jahren recht einheitlich aussahen: Frauen haben in einem ihnen bekannten Raum (wie zum Beispiel ihrem eigenen zu Hause) geboren, bewegten sich dabei frei umher, wählten ihre Geburtsposition dem Schmerzempfinden entsprechend und wurden von vertrauten Frauen unterstützt (Davis-Floyd und Cheyney 2009: 8). Die Geburt war damals noch „Frauensache“ und passierte in der Anwesenheit einer Hebamme und zwei bis drei anderen (vertrauten) Frauen (Stone 2009: 42).

Wer aufmerksam unsere gegenwärtige Geburtskultur verfolgt, wird spätestens jetzt feststellen, dass sich über die Zeit eine Menge verändert hat. (Wenn du dazu genaueres wissen möchtest, verlinke ich dir hier einen schönen Beitrag in der Zeitschrift “Die Hebamme”. Hier kannst du auch nochmal nachlesen, warum Doulas heute so wertvoll sind. https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/html/10.1055/a-1029-5660)

Beste Freundin auf Zeit

Ich möchte dich in diesem Artikel aber gar nicht mit trockenen Zahlen und Statistiken langweilen. Vielmehr wünsche ich mir, dass du dir einen Moment Zeit nimmst, deine Augen schließt und mal in dich hinein fühlst. Was brauchst du, um dich in deiner Schwangerschaft gut auf die Geburt und die Zeit danach vorzubereiten? 

Sind es 55348765478 Instagram-Posts, die dir erzählen, was alles gefährlich ist während der Schwangerschaft, wie schmerzvoll eine Geburt sein kann oder wie furchtbar anstrengend die Zeit danach ist? Und mit deren Infos du dann alleine zu Hause sitzt? Oder sind es die YouTube-Videos oder Pinterest-Pins, die dir zeigen, was du alles großartiges für dein Baby kaufen kannst, damit du ein toll eingerichtetes Kinderzimmer hast? 

Oder ist es vielleicht diese eine gute Freundin, deine Schwester oder deine Mutter, mit der du deine Sorgen teilen kannst, der du Löcher in den Bauch fragen kannst und die zu jeder Zeit ein paar wertfreie, tröstende und ermutigende Worte für dich findet? 

Eine Doula kann genau das für dich sein, wenn du möchtest. Sie wird deine “beste Freundin” auf Zeit, mit der du all deine Ängste teilen kannst, die dir aus ihrem Erfahrungsschatz und ihrer Fachkompetenz liebevolle und professionelle Tipps und Tricks mit an die Hand geben kann und dich auch einfach mal ganz praktisch unterstützt, wenn du das möchtest (Wer entspannt zum Beispiel nicht bei einer liebevollen Schwangerschaftsmassage?). 

Unterschiedliche Phasen, unterschiedliche Aufträge

Dabei richtet sich die Doula natürlich in ihrer Arbeit immer nach deinen Bedürfnissen. Hast du kurz vor der Geburt das Bedürfnis über die bevorstehende Geburt zu sprechen oder möchtest du lieber zwei schöne, entspannte und kreative Stunden genießen und dir Affirmationskarten für deinen Geburtsraum basteln? Deine Doula hört dich an und folgt dir – immer nach bestem Wissen und Gewissen. Gleichzeitig ist das aber auch der Clue an der Sache: Deine Doula schreibt dir nicht vor, was “jetzt das Richtige” für dich wäre. Sie macht dir Angebote. Was du möchtest, entscheidest du (jedenfalls arbeite ich so). Das heißt also auch, dass du in voller Verantwortung für dich selbst stehst. Du möchtest Informationen? Frag danach. Du möchtest Unterstützung? Frag danach. Du möchtest eine Meinung oder Perspektive? Frag danach. 

Das klingt vielleicht ganz logisch und einfach – in der Praxis habe ich dennoch viel zu oft erlebt, dass die Eigenverantwortung all zu schnell abgegeben wird (auf der Wochenbettstation gab es zum Beispiel immer den “freundlichen” Satz: “Die hat schon wieder ihr Gehirn vor der Kreißsaaltür gelassen” ≙ “aufgehört, selbst zu denken” – Das ist zwar ziemlich unsensibel, beschreibt aber, wie oft es vorkommt, dass Frauen sich nur noch auf das Außen verlassen und die Verbindung zu sich und ihrer Intuition verloren oder verlernt haben). Deine Doula ist also nicht nur eine nette Gesprächspartnerin, sondern mit ihr übst du auch, Verantwortung zu übernehmen, deinen Weg zu finden und deine Selbstermächtigung (wieder) zu erlangen. Denn genau die, wird während deiner Geburt zu deiner Löwenstärke werden.

Früher selbstverständlich, heute Luxus

Ich bin der festen Überzeugung davon, dass es unsere gegenwärtige Geburtskultur revolutionieren könnte, wenn jede Familie eine Doula zur Geburt ihres Kindes einladen und sich vorher und auch nachher von ihr begleiten und unterstützen lassen kann. Doch was noch vor ein paar hundert Jahren selbstverständlich war, wird heute zum “Luxus”. 

Eine Doula arbeitet (meistens) nicht ehrenamtlich. Eine Doula bestreitet mit ihrer Arbeit als Doula ihren Lebensunterhalt. Eine Doula versorgt mit der Arbeit, die sie leistet, ihre Familie. Deshalb lässt sich eine Doula ihre Arbeit und die Zeit und Energie, die sie aufwendet, angemessen bezahlen – oder sollte es jedenfalls. 

Für meine Bachelorarbeit durfte ich ein großartiges Interview mit Doula Anna (ihr findet Anna als “Doula für Alle*” auf Instagram unter @queerfeminist_doula_ffm) führen. In diesem Interview haben wir unter anderem eben auch über die Vergütung von Doulas und damit auch über die Stellung der Frau in unserer Gesellschaft gesprochen. So sieht Anna zum Beispiel die Doula-Arbeit als “Empowerment” und Chance für Frauen, sich Care-Arbeit finanziell entlohnen zu lassen. Und in diesem Zug haben wir dann auch über die irre Diskussion gesprochen, die immer wieder wegen des Preises für die Doulaleistungen aufkommt. Die Frage, die daraus entsteht ist: Warum ist es total normal, tausende Euros für Kinderzimmermöbel auszugeben, aber bei der finanziellen Entlohnung einer Doula, deren Arbeit für den Rest des Lebens der Familie nachwirkt und für “einen guten Start zusammen” sorgen kann, wird gefeilscht, ewig überlegt und dann doch, weil “zu teuer”, abgelehnt. Damit möchte ich nicht bestreiten, dass es trotz allem ein Privileg ist, das Geld für eine tolle Vorbereitung in die Hand nehmen zu können. Ich möchte lediglich auf die Priorisierung der finanziellen Ausgaben hinweisen. Anna zieht hier die Verbindung zu den vorherrschenden patriarchalen Strukturen in unserer Gesellschaft und erklärt: “Doulas sind überwiegend Frauen (wobei nicht alle Doulas Frauen sind), die einfach seit Jahrhunderten ihre Fürsorgearbeit kostenlos zur Verfügung stellen, vor allem in familiären Kontexten. Und sobald Frauen Geld für das verlangen, was sie tun, wird Kritik ja immer laut – und zwar nicht nur von Männern, sondern auch von Frauen.” Den meisten Menschen in unserer Gesellschaft scheint nicht klar zu sein, wie viel “Arbeit” in “Care-Arbeit” wirklich steckt. Anna sagt: “Das ist Arbeit! Das ist super anstrengend! Und es ist eine Arbeit wie jede andere auch – Und nur weil ich meine Arbeit gerne mache und voll mit Leidenschaft, ist sie doch nicht weniger wert.” 

Priorisiere:
Was brauche ich wirklich, damit es mir gut geht? 

Du steckst mitten in einem der wahrscheinlich bedeutendsten Übergänge deines Lebens: Du tauchst in eine neue Rolle, du nimmst eine neue Stellung ein, du bringst ein neues Leben in diese Welt. Dieser Übergang, diese Zeit ist so intensiv und so transformierend, dass es einfach ganz oft ganz schön überwältigend sein kann. Und das ist in Ordnung. Du darfst überwältigt und überfordert sein. Und dann darfst du einen Moment inne halten und dich fragen: “Was brauche ich jetzt wirklich, damit es mir gut geht?”

Und dann darfst du dich fragen, ob dich in dieser aufregenden Zeit wirklich der teure Kinderwagen, das fancy Babygadget oder die 30-Stunden-Symptomrecherche-auf-”Suchmaschine-deiner-Wahl” unterstützen.

Oder ob es vielleicht diese eine Person sein kann, die für dich da ist, die dir Halt gibt, die dich nach deinen Bedürfnissen fragt und dir mit kompetentem Rat & Tat zur Seite steht. Weil die Grundsteine für deine neue Familie und einen guten gemeinsamen Start IN DIR gelegt werden.

♡ 



Quellen

Ich habe dir in diesem Artikel ein paar Quellen genannt, die ich für meine Bachelorarbeit genutzt habe.
Das sind wirklich spannende Werke – falls du Lust hast und da genauer nachlesen magst, gebe ich dir hier noch die vollständigen Quellenangaben.



Davis-Floyd, Robbie und Melissa Cheyney (2009): „Birth and the Big Bad Wolf. An Evolutionary Perspective“. In: Selin, Helaine und Pamela K. Stone (Hg.): Childbirth Across Cultures. Ideas and Practices of Pregnancy, Childbirth and the Postpartum. Dodrecht u.a.: Springer, 1-22.

Rose, Lotte und Ina Schmied-Knittel (2011): „Magie und Technik. Moderne Geburt zwischen biografischem Event und kritischem Ereignis“. In: Villa, Paula-Irene u.a. (Hg.): Soziologie der Geburt. Diskurse, Praktiken und Perspektiven. Frankfurt und New York: Campus-Verlag, 75- 100.

Stone, Pamela K. (2009): „A History of Western Medicine, Labor, and Birth“. In: Selin, Helaine und Pamela K. Stone (Hg.): Childbirth Across Cultures. Ideas and Practices of Pregnancy, Childbirth and the Postpartum. Dodrecht u.a.: Springer, 41-53.



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