Die Hüterin der Zwischenräume

Ein tiefenpsychologischer Blick auf Schwangerschaft, Geburt, Wandlung und das Gehaltenwerden.

Das hier ist mein erster Gastbeitrag in meinem Blog.
Dieser Artikel wurde liebevoll von Merve erstellt.
Merve ist Tiefenpsychologin, Zweifachmama und beschreibt sich als „Wegbegleiterin für Frauen, die mehr Klarheit, Tiefe und innere Orientierung suchen.“
Sie glaubt „an Räume, in denen du nichts musst und trotzdem alles darfst. An Orte, an denen Gedanken zur Ruhe kommen dürfen. Und an Begegnungen, die dich zurückbringen zu deiner eigenen Klarheit.“ Und genau deswegen freue ich mich wirklich wie verrückt, dass ich Merve dafür gewinnen konnte, für meinen Blog einen Gastartikel zu schreiben! Wie wunderbar passend oder?
Sie schreibt in ihrem Artikel ganz persönlich und nah über ihre eigenen Erfahrungen mit Schwangerschaft, Geburt und der Transformation des Mama-werdens. Mit einem tiefenpsychologischen Blick, fachlichen Einordnungen und am Ende der Überlegung, dass sie sich selbst gern eine Doula, eine Raumhalterin, für ihre Reise gewünscht hätte.
Ich bin wahnsinnig dankbar, diesen Schatz hier mit euch teilen und euch präsentieren zu dürfen.
Viel Freude beim Lesen! ♡


Wenn ich an die ersten Tage mit meinem Neugeborenen denke, erinnere ich mich an zwei Urkräfte, die in mir wirkten, in dem Moment, als ich das Tor der Mutterschaft durchschritt.

Am greifbarsten war da die archetypische Urkraft der großen Mutter. Sie hielt, sie schützte, sie trug. Ihre Hände waren warm, ihre Nähe still, ihr Herz weit. Durch diese Urkraft, konnte ich das neue Leben, zart und gleichzeitig mächtig, umschließen. Es war magisch.

Subtiler spürte ich die Archtetypin der Verwundeten Heilerin. Denn die verwundete Heilerin ist müde, roh, durchlässig. Sie wächst aus Schmerz und Erschöpfung, verwandelt Wunden in Mitgefühl, Stille in Erkenntnis. Sie erinnerte mich daran, dass nachhaltige Stärke oft erst durch den Schmerz geboren werden musste.

Beide Kräfte haben ihre Schatten. Die große Mutter kann fordern, überfordern, festhalten. Die verwundete Heilerin kann sich in Schmerz verlieren, sich selbst vergessen. Ich erinnere mich an diese inneren Räume, die man nicht immer durchschreiten muss, aber manchmal hineinfällt. An Momente, in denen ich mich allein fühlte, ungetröstet, zwischen Licht und Dunkel, zwischen purem Staunen vor dem Wunder des Lebens und Überforderung.

Heute, rückblickend, spüre ich: Vielleicht hätte ich genau dort eine Doula gebraucht. Weißt du, nicht als meine Retterin, sondern als eine Hüterin dieses Zwischenraums. Jemanden, der da ist, wenn alles gleichzeitig wahr sein darf: Nähe und Loslassen, Kraft und Erschöpfung, Werden und Vergehen.

Der Zwischenraum der Geburt

Als Tiefenpsychologin ist für mich die Geburt mehr als ein Anfang. Ich sehe sie als Übergang. In diesem seelischer Zwischenraum entsteht, mit der Geburt des Kindes, auch ein neues Ich der Mutter. Das Alte vergeht, manchmal leise, manchmal mit einem inneren Beben, damit Neues Gestalt annehmen kann. Egal, in welche Richtung die neue Gestalt Form annimmt, eines bleibt gewiss: Die Identität der Frau verändert sich nachhaltig und unwiderruflich.

In diesem Zwischenraum ist nichts eindeutig, es ist vielmehr paradox. Er ist licht und dunkel zugleich, weit und eng, überwältigend und still. Alles kann, doch nichts muss.

Ich durfte diesen Raum zweimal betreten, in der Vertrautheit meines eigenen Heims, begleitet von einer erfahrenen Hebamme, die mich sicher und achtsam durch die äußeren Prozesse führte.

Trotzdem spürte ich, dass da eine weitere Rolle fehlt. Eine, die nicht misst, nicht eingreift, nicht erklärt. Mir fehlte es an einer Präsenz, die einfach nur hält und mir einen sicheren Hafen für das Loslassen bietet.

Da erinnere ich mich an einen Moment im Wochenbett, in dem ich mein Neugeborenes im Arm hielt und so erfüllt von Liebe war und zugleich von einer unerklärlichen Traurigkeit durchzogen wurde. In mir lösten sich damals viele innere Bilder, mit ihm der Gedanke: Eine Mutter, die ihr Kind gebiert, gebiert zugleich das Leben und dessen Tod.

Zuerst war da Widerstand. Wie konnte ich das aushalten? Wie all die Mütter vor mir? Doch je länger ich diesem Gefühl Raum gab, desto deutlicher spürte ich: Ich bin Teil eines Kreislaufs, der größer ist als ich.

Ich sah meine Ahninnen vor meinem inneren Auge. Sie waren erschöpft, stark und weise. Genau in dieser Stille breitete sich pure Liebe aus. Und diese Liebe schenkte mir etwas Unzerstörbares: Ich fühlte mich verbunden mit der weiblichen Urkraft.

Mit ihr zusammen, fühlte ich: Alles gehört zusammen. Leben und Tod, Freude und Schmerz, Anfang und Ende. Diese Erkenntnis löste etwas in mir… Und ich ließ sehr viele Erwartungen los. Erwartungen an mich, an das Kind, an das, was Mutterschaft „sein sollte“.

Gleichzeitig fragte ich mich neugierig: Welche alten Anteile von mir durften sterben, damit Neues entstehen kann?

Und ich begriff schlagartig: Nicht alles muss vergehen. Manches darf einfach daneben wachsen, wie neues Leben im Schatten des Alten.

In dieser stillen Nacht (mit einem schlafenden Neugeborenen im Arm) verstand ich, was uns die Dunkle Mutter lehrt: Dass Loslassen keine Niederlage ist, sondern ein Akt tiefster Liebe. Dass Tod und Leben sich nicht bekämpfen, sondern einander gebären. Das war der Moment, in dem meine Angst sich in Ehrfurcht verwandelte.

Während ich lebte, hatte ich symbolisch den Tod durchlaufen. Und daraus wuchs etwas, das ich eine-leise-Feier-des-Daseins nennen möchte: Die absolute Gewissheit darüber, Teil eines ewigen Kreislaufs zu sein.

Das ist die Dynamik zwischen der Großen Mutter und der Dunklen Mutter: die eine nährt und schützt, die andere wandelt und verwandelt. Beide sind Tore derselben Kraft, die uns durch Geburt, Abschied und Neubeginn trägt.

Und genau in diesem Übergang, finde ich, braucht die Psyche und der Verstand eine Präsenz, die nicht lenkt, sondern trägt.

Vielleicht ist es das, was die Doula verkörpert. Sie ist die stille Hüterin des Raumes, in dem Wandlung geschehen darf.

Momente, in denen ich mir eine Doula gewünscht hätte

Rückblickend weiß ich: Es waren nicht die großen Dinge, die gefehlt haben. Es waren die feinen Fäden, die niemand hielt, weil niemand sie sah.

Denn die Doula besitzt die ausgeprägte Fähigkeit Ambiguität und Paradoxien nicht nur zu verstehen, sondern auszuhalten. Sie bewertet nicht, wenn die Frau gleichzeitig Kraft und Zerbrechlichkeit, Freude und Angst zeigt. Sondern erkennt Beides als integralen Bestandteil des transformativen Prozesses an. Und spiegelt diese Akzeptanz, vielleicht nonverbal. Dies kommt von ihrem kollektiven weiblichen Wissen, die keine Lösungen anbietet, sondern Halt.

Ihr Hüten zeigt sich darin, dass sie nonverbal signalisiert: “Ich sehe deine Angst vor dem Kontrollverlust und ich bleibe präsent bei dir, ohne dich aus diesem Zustand retten zu wollen, denn er gehört zur Reise.“

Sie erkennt subtile Anzeichen beginnender Regression, ein sich zurückziehen, eine veränderte Wahrnehmung und schafft durch ihre ruhige, nicht wertende Präsenz einen sicheren Anker anstatt unbewusst zu versuchen die Frau zur “Normalität” oder zur Fassung zurück zu rufen.

Während die Hebamme primär den physiologischen Fortschritt der Geburt begleitet und medizinische Sicherheit gewährleistet, wacht die Hüterin über die psychische Landkarte der Gebärenden. Sie erspürt aufkommende innere Konflikte oder berührte archetypische Themen und hält den Raum dafür, ohne sie aktiv zu deuten oder zu therapieren, sondern indem sie einfach bezeugt und präsent ist.

Vielleicht ist es genau das, was fehlt, wenn alles scheinbar gut läuft: Jemand, der dableibt, wenn alle anderen schon weitergehen.

Eine Doula hätte gespürt, wann Stille heilt, wann Nähe nährt, wann einfach jemand die Wäsche anschalten muss, damit eine Frau nicht an Kleinigkeiten zerbricht.

Sie hätte, wenn alles sich um das Kind drehte, leise mich im Blick behalten. Denn so sehr sich sich nach der Geburt alles um das Neugeborene dreht, die Frau, die gerade geboren hat, verschwindet oft zwischen Windeln und Wäsche.

Eine Doula hätte diesen Zwischenraum gehütet:

  • Den Raum zwischen Frau-Sein und Mutter-Werden.
  • Den Übergang vom Paar zur Elternschaft.
  • Das Alte geehrt, während das Neue zaghaft wachsen durfte.
  • Den Raum für Schatten und Dunkelheit, behütet, bis Licht undLebendigkeit zurückkehren.

Und als mein zweites Kind kam, so vertraut und doch neu, mit all den Ängsten, Zweifeln und Fragen, hätte ich mir eine vertraute, aber professionelle Freundin gewünscht.

Die Hüterin der Zwischenräume –
eine tiefenpsychologische Betrachtung

Jeder Übergang birgt eine Phase des „Nicht-mehr-und-noch-nicht“. Victor Turner nannte diesen Zustand Liminalität: den Zwischenraum, in dem Identität sich auflöst, um neu zu werden.

Als Beispiel: Dieser Moment in dem Liebe und eine unerklärliche Traurigkeit gleichzeitig präsent waren, ist ein direktes körperlich spürbares Erleben des liminalen Raums.

Geburt ist einer dieser archetypischen Räume. Sie ist kein Ereignis, sondern ein Prozess, in dem das bewusste Ich sich zurückzieht und das Unbewusste die Führung übernimmt.

Alles, was sonst kontrolliert, lässt los. Alles, was sonst verdrängt, tritt an die Oberfläche.

Donald Winnicott sprach in diesem Zusammenhang vom holding environmentdem „gehaltenen Raum“, der Regression ermöglicht, ohne sie zu zerstören.

Eine Doula erschafft genau dieses Feld: Sie ist der sichere Rahmen, in dem die Gebärende sich hingeben kann, ohne zu fallen.

Während Winnicotts holding environment den Grundlegenden psychischen Rahmen beschreibt, füllt die Doula diesen Rahmen mit einer ganz spezifisch weiblichen archetypisch verankerten Präsenz. Und diese Präsenz geht über reines Halten heraus, indem sie aktiv das Transformative des Übergangs bezeugt und schützt.

Wilfred Bion hätte gesagt: Ein Doula übernimmt die Funktion des Containments. Sie nimmt das Unverdaute, das noch keinen Namen hat, in sich auf, bis es für die Gebärende verdaubar wird.

C. G. Jung schließlich hätte in ihr eine archetypische Figur gesehen: die moderne Gestalt der Großen Mutter. Er hätte sie nicht sentimental, sondern psychisch-symbolisch verstanden: nährend, haltend und transformierend.

Ich, jedoch, nenne sie die Hüterin der Zwischenräume.

Die Hüterin verkörpert nicht nur Bions Containment für die Ängste, sie navigiert darüber hinaus bewusst durch diesen liminalen Raum, den Turner beschreibt, und nutzt dabei die Weisheit der, von Jung beschriebenen, Mutter Archetypen. Und genau diese bewusste Integration verschiedenen psychischen Strukturen macht das besondere der Hüterin aus.

Sie schützt die fragile Zone, in der Wandlung geschieht. Sie schützt den Ort zwischen Kontrolle und Hingabe, zwischen Wissen und Nichtwissen, zwischen Frau-Sein und Mutter-Werden.

Als Tiefenpsychologin kenne ich solche Zwischenräume auch aus meiner Arbeit: Momente, in denen etwas Altes stirbt und das Neue noch keinen Namen hat.

In der Geburt geschieht dasselbe, nur mit einer existenziellen Wucht, die uns an das Ursprünglichste in uns selbst zurückführt.

Vielleicht erklärt das auch, warum manche Frauen mit fortschreitender Demenz sich an kaum etwas erinnern, außer an ihr Wochenbett. Weil dieser Moment, in dem wir Frauen uns am meisten hingegeben und zugleich am meisten gehalten gefühlt haben, so tief in unserer Seele verankert ist.

Über das Gehaltenwerden im Wandel

Je länger ich über diese Erfahrungen nachdenke, desto klarer wird mir: Geburt, Mutterschaft und all ihre Übergänge sind keine Aufgaben, die man „bewältigt“. Sie sind sensible Übergänge, die viel Feingefühl brauchen und verlangt werden gehalten zu werden.

Vielleicht ist das auch der tiefere Sinn der Doula-Arbeit: Sie erinnert uns daran, dass kein Mensch allein durch Übergänge gehen muss.

Nicht jede Frau braucht eine Doula, aber jede Frau verdient, gehalten zu werden. Denn das Bedürfnis nach Halt ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck unserer Menschlichkeit.

Die Doula bleibt dort, wo andere schon weitergehen. Sie verweilt an der Schwelle, bis das Neue Form angenommen hat. Sie will nichts verändern, sondern ermöglicht Veränderung. Sie tröstet nicht, sie schafft Raum für Selbsttröstung. Sie führt nicht, sie begleitet.

In diesem Sinn ist die Doula weit mehr als Geburtsbegleitung: Sie ist eine Hüterin des Übergangs, eine Zeugin des Werdens.
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